Hooligans greifen Connewitz an

"Wir haben geöffnet" steht auf dem Brett, das die zerstörte Scheibe der Buchhandlung ersetzt.

„Wir haben geöffnet“ steht auf dem Brett, das die zerstörte Scheibe der Buchhandlung ersetzt.

Ich lief 19:15 Uhr von der Kochstraße über das Connewitzer Kreuz die Wolfgang-Heinze Straße entlang. Gedanken versunken schaute ich in die Schaufenster vom Highfield Store, dachte weinerlich an den Tod von David Bowie, hielt kurz am Buchladen und überlegte ob ich mir dort seine letzte Platte bestellen könnte. Sicher ist das möglich. Wie schön, dass es dieses Geschäft noch gibt.

Ein paar Meter weiter am Shahia, überlegte ich mir Dürüm zu kaufen, entschied mich aber dagegen, denn ich hatte zu Hause noch zwei Kilo Möhren, die mußten erstmal weg.

Als ich in meiner Wohnung angekommen war schaltete ich den Computer an, loggte mich routiniert bei Twitter und Co ein und das erste was ich las war ein 4 Minuten alter Tweet vom Fischladen, der bereits 40 Mal geteilt war:

Ich ließ alles stehen und liegen und rannte wieder zurück auf die Wolfgang-Heinze Straße. Hubschrauber kreisten inzwischen über Connewitz und leuchteten mit Scheinwerfern hektisch vom Himmel herab in die Straßen. Es war sehr unübersichtlich.

Ein Glück nur, dass ich mich vorhin dagegen entschieden hatte, im Shahia Dürüm zu kaufen. Denn wie sich nun zeigte, hatten zur selben Zeit, die ich auf die Zubereitung gewartet hätte, mindestens 210 Hooligans die Straße gestürmt und zerlegten die Schaufenster jedes Geschäftes, vom Connewitzer Kreuz bis an die Ecke Simildenstraße. Bei einigen Läden kam es auch zur Zerstörung der Inneneinrichtung oder zu Plünderungen. Das Shahia erwischte es besonders schlimm, dort zerriss ein Sprengkörper metallene Einrichtung und drückte die Decke ein. Es ist ein Wunder, dass niemand ernsthaft verletzt oder getötet wurde.

Heute ist klar: der Angriff war gut vorbereitet. Auf der Legida Demo, 4 Kilometer entfernt in der Innenstadt, begannen gerade die Rednerbeiträge und die Polizei hatte ihre Hundertschaften, Wasserwerfer und Räumpanzer vollständig auf das Geschehen rund um das Naturkundemuseum konzentriert.

Auf der Wolfgang-Heinze Straße liefen jetzt überall versprengt kleine Personengruppen, oft schwarz gekleidete junge Leute umher und ich konnte nicht unterscheiden, ob es sich dabei um Nazis oder um Einheimische handelte. In den ersten Minuten waren es wohl überwiegend Nazis.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kam endlich Polizei und auch die Feuerwehr. Eine Rakete hatte einen Wohnungsbrand ausgelöst, der von der  Drehleiter aus gelöscht werden mußte.
Die Polizei stand mit Wannen inzwischen bis zur Goldenen Krone. Der gesamte Bereich vom Connewitzer Kreuz bis zur Herderstraße war abgesperrt.

20 Uhr twitterte die Polizei, sie habe die Lage unter Kontrolle. Ungefähr 210 Verdächtige seien gekesselt, doch immer wieder flogen Böller und es krachte irgendwo in der Nacht. Kennzeichen mutmasslicher Faschoautos machten die Runde. Ganz offensichtlich war es einigen gelungen, der Polizei zu entkommen. Wenig später schon gab es Meldungen von Naziangriffen aus Plagwitz, der Nordstadt und aus Gohlis.

Damals, am 3. Oktober 1990 (Bericht aus dem Kreuzer), griffen ebenfalls Nazis an, die Polizei hatte mit sich selbst zu tun und es ging um Alles oder Nichts in Connewitz.
Angesichts der enormen Zerstörungen bin ich sehr gespannt, welche Superlative die Presse sich für die Ereignisse diesmal ausdenkt.

Warum die Polizei diese immens große Personengruppe nicht auf ihrem Radar hatte ist mir unbegreiflich. Der Schaden, der in diesen wenigen Minuten entstand, übertrifft die viel kritisierten „Randalen der linken Chaoten“ vom 12. Dezember 2015 um ein Vielfaches.
Für mich steht fest, dass die Polizei heute wieder gefährlich versagt hat. Wie schon im Vorfeld von #LE1212 war das nun Geschehene im Internet angekündigt worden. Mittlerweile sollte auch die Polizei gelernt haben, dass sich Facebook, Twitter, WhatsApp und Co hervorragend eignen, gut koordiniert Angriffe auf was auch immer, zu organisieren. Sich davon dann auch noch überraschen zu lassen ist unsagbar unprofessionell.

Update 7.2.2017: „Die Täter des 11.1.2016“ https://le1101.noblogs.org

Am schwersten hat es das Shahia II getroffen. Hier hat ein Sprengkörper den Innenraum zerstört.

Am schwersten hat es das Shahia II getroffen. Hier hat ein Sprengkörper den Innenraum zerstört.

Nazi Fascho Hooligans Angriff 11-01-2016 auf Connewitz-DSCF4688

"Liebe Kunden, dauert noch ein bisschen. HMPF!" steht auf dem Brett vor der zerstörten Eingangstür des Taka Tiki.

„Liebe Kunden, dauert noch ein bisschen. HMPF!“ steht auf dem Brett vor der zerstörten Eingangstür des Taka Tiki.

Scherben bringen Glück, heißt es. Das bleibt den Ladenbesitzern in Connewitz nur zu wünschen.

Scherben bringen Glück, heißt es. Das bleibt den Ladenbesitzern in Connewitz nur zu wünschen.

Nazi Fascho Hooligans Angriff 11-01-2016 auf Connewitz-DSCF4684

Parkende Autos hat es ebenfalls getroffen.

Parkende Autos hat es ebenfalls getroffen.

Und noch ein Kamerateam ..

Und noch ein Kamerateam ..

Der Waschsalon: entglast.

Der Waschsalon: entglast.

Gothic Second Hand: entglast.

Gothic Second Hand: entglast.

Überall auf der Wolfgang-Heinze Strasse sind Journalisten, Fotografen und Reporter unterwegs und befragen die Anwohner.

Überall auf der Wolfgang-Heinze Strasse sind Journalisten, Fotografen und Reporter unterwegs und befragen die Anwohner.

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Ein Kommentar zu “Hooligans greifen Connewitz an

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