Eine Woche Ohnmacht

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Freitag Abend nach der Demo gab es für mich noch keine Anzeichen. Der Samstag war sogar ein spitzen Tag, bis zum Nachmittag.
Doch dann brach ich unvermittelt zusammen.

Zuvor hatte ich daheim in der Küche am Fenster gestanden,  tief geseufzt und völlig aus dem Zusammenhang gerissen gesagt: „Das ist einfach alles zu viel für mich.“.

So schilderte es mir die Ärztin an der Uni Klinik. Sie sagte sonst nicht viel. Die halbe Woche verbrachte ich dann in embryonaler Schutzhaltung in meinem Bett. Ich schlief viel und mir war alles egal. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt gegessen habe.

Am Donnerstag  wurde ich dann sehr plötzlich entlassen. Mit dem dringenden Ratschlag einen Psychotherapeuten auf zu suchen, der mit mir an meiner PTBS arbeite. Ich empfinde diese Diagnose als eine Beleidigung. Ich verließ 13 Uhr das Krankenhaus in Richtung Bayerischen Bahnhof, in der Hand eine Rechnung für den Krankenhausaufenthalt, die ich binnen 10 Tagen bezahlen muss.

Wenn mir vor 3 Wochen jemand erzählt hätte wohin das alles führt, die Sache mit dem Polizeiposten in Connewitz, dann hätte ich denjenigen ausgelacht. Dann aber trat genau das ein, was ich für unmöglich hielt und es hat mich ausgenockt.

Heute Abend saßen die Jungs schon wieder in ihren VW Bussen. Ich wollte einen Umweg gehen, ich wollte mich nicht konfrontieren, aber dann liefen meine Füße wie von alleine genau dort hin. Sie liefen in Trance die Biedermannstraße hinab. Schon von weiten erkannte ich  die beschlagenen Scheiben. Ich hielt an der Ecke zur Auerbachstraße inne und dort wurde ich ganz klar einem unterdrücktem Schluchzen, das aus den Wannen kam,  gewahr. Die Panik, von der der arme Polizist besessen war, sprang auf mich über. In meinem Kopf schreit es jetzt: „Diese Zustände zersetzen ausnahmslos jeden, der in sie verstrickt ist. Wenn du hier stehen bleibst, zerfetzen sie dich.“

Ich zuckte, zog mir die Kapuze tief ins das Gesicht, dann drängte ich mich an den Polizeiwagen vorbei.
Ich denke: „Es geht dich nichts mehr an!“  Und: „Um hier keinen bleibenden Schaden zu nehmen, musst du umdenken!  Wir alle müssen umdenken. Die Trauer darf nicht unser Leben bestimmen.“

Das merke ich mir. Die Trauer darf nicht mein Leben bestimmen.

Zuhause legte ich mich gleich mit Schuhen ins Bett und schlief sofort ein.

Ich träumte zwei Mal von Jule. Einmal, dass sie nur von 61% ihrer Genossinnen gewählt wurde. Beim zweiten Mal träumte ich, dass wir einen Eisladen haben. An der weißen Brücke, am Floßgraben.

[..]

Es wird jetzt dunkel, es ist nach 18 Uhr. Ich habe geschlafen und bin durcheinander. Ich habe noch immer die Straßenschuhe an. Hinter mir liegt eine Woche, in der ich mir wie gelähmt vor kam.

Ich habe keine Ahnung was jetzt wird, oder wie es jetzt weiter geht.

[..]

Mein Kalender sagt, dass heute Freitag ist. Also ist es genau eine Woche nach der Trauerfeier am Polizeiposten. Ich nehme heute zum ersten Mal die Kamera zur Hand, die ich wie an dem Tag bei mir hatte und schaue mir die Fotos an.

Die Kinder brachten selbst gebastelte Kränze mit zum Polizeipfosten.

Die Kinder brachten selbst gebastelte Kränze mit zum Polizeiposten.

Wut und Trauer lösen einander ab in Connewitz in der Biedermannstraße

Wut und Trauer lösen einander ab in Connewitz in der Biedermannstraße

170 Trauergäste fassungslos und mit glasigen Augen am Polizeipfosten

170 Trauergäste fassungslos und mit glasigen Augen am Polizeipfosten

In der Auerbachstraße spielt zur Zeit niemand. Tiefe Trauer.

In der Auerbachstraße spielt niemand mehr, seit es hier den Polizeiposten gibt. Entsetzte Eltern, traumatisierte Kinder.

Manche geben ihr letztes Bier für die arme Polizei in der Wiedebachpassage in Connewitz.

Manche geben ihr letztes Bier für die Beamten der Polizei.

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2 Kommentare zu “Eine Woche Ohnmacht

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